Wenn ich Physiotherapie erhalte erwarte ich kompetente Therapeuten.

Ein Beitrag von Dr. Annette Becker.

Von einem kompetenten Therapeuten behandelt zu werden ist sicherlich eine legitime Erwartung. Doch was macht eine kompetente Physiotherapeutin beziehungsweise einen kompetenten Physiotherapeuten aus? Dieser Frage wird im neu erschienenen Buch ‚PHYSIO 2030. Kompetenz‑Kompass für die Ausbildung in der Physiotherapie‘ (Becker 2019) gezielt nachgegangen. Der Kompetenz-Kompass ist eng mit dem KODE®-KompetenzAtlas verbunden, was im Folgenden näher dargelegt wird.

Hintergrund

Gerade jetzt wird die Thematik der Kompetenzen von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten heiß diskutiert, aufgrund der aktuellen Novellierung des Berufsgesetzes der Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie der Evaluation der laufenden physiotherapeutischen Modellstudiengänge. Über welche Kompetenzen verfügen Therapeutinnen und Therapeuten heute? Welche Kompetenzen müssen zukünftig im Rahmen der ‚neuen‘ Ausbildung sowie Studiengänge in der Physiotherapie erlangt werden? Wie kann sichergestellt werden, dass die Therapeutinnen und Therapeuten über entsprechende Kompetenzen verfügen, dass sie den Zukunftsanforderungen gerecht werden können und die physiotherapeutische Versorgungsqualität langfristig, z. B. auch noch im Jahr 2030 und länger, gesichert ist? Hier stellt sich die berechtigte Frage: Welche Kompetenzen benötigen denn aber Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten im Jahr 2030 überhaupt? Bereits heute ist die Zeit sehr schnelllebig, mit demographischem Bevölkerungswandel und verändertem Krankheitspanorama, mit rasanter Digitalisierung der Medizin sowie Therapie und wandelnden Anforderungen an die effektive Zusammenarbeit aller Partnerinnen und Partner im medizinisch-therapeutischen Versorgungsspektrum. Diese Frage wird im Buch PHYSIO 2030 diskutiert und es werden die zukünftig voraussichtlich erforderlichen Kompetenzen von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten im Jahr 2030 anhand eines Sollprofils aufgezeigt.

SoPHY-Studie 2030

Um ein Sollprofil zukunftsrelevanter Kompetenzen von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten im Jahr 2030 zu ermitteln, wurde im Jahr 2018 die ‚SoPHY‑Studie 2030‘ durchgeführt. Es fand eine bundesweite Online-Befragung jener Lehrenden statt, die sowohl an Schulen für Physiotherapie als auch im Rahmen physiotherapeutischer Studiengänge an Hochschulen unterrichteten. Im Rahmen dieser Umfrage wurden allen Befragten die 64 Schlüsselkompetenzen des KODE®-KompetenzAtlas vorgestellt. Dazu war zuvor jede Einzelne der 64 Kompetenzen der vier Grundkompetenzen (Personale Kompetenz (P), Aktivitäts- und Handlungskompetenz (A), Sozia-kommunikative Kompetenz (S), Fach- und Methodenkompetenz (F)) durch die Autorin, gezielt auf das physiotherapeutische Handeln ausgerichtet, neu definiert worden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden eingeladen, aus dieser Auflistung exakt jene 16 Schlüsselkompetenzen auszuwählen, die ihrer eigenen Einschätzung nach im Jahr 2030 auf jeden Fall bei Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten ausgeprägt sein sollten.

Über 60% der 486 befragten Lehrenden wählten die Kompetenzen Analytische Fähigkeiten (64,0%; F), Eigenverantwortung (63,6%; P) und Ganzheitliches Denken (62,1%; P) auf die Ränge eins bis drei. Mehr als die Hälfte aller Befragten sahen acht Schlüsselkompetenzen für die Zukunft für besonders bedeutend an (vgl. Abbildung 1). Neben den drei Schlüsselkompetenzen der Ränge 1-3 wurden noch Belastbarkeit (57,0%; A), Fachübergreifendes Verständnis (54,1%; F), Kommunikationsfähigkeit (59,5%; S) Problemlösungsfähigkeit (53,5%; S) und Teamfähigkeit (53,3%; S) ausgewählt. Offensichtlich erschienen den Lehrenden zukünftig insbesondere Schlüsselkompetenzen der Sozial-kommunikativen Kompetenzen bei Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten wichtiger als z. B. die der Fach- und Methodenkompetenz oder gar Aktivitäts- und Handlungskompetenz.

Abbildung 1: Acht Schlüsselkompetenzen, die von mehr als 50% aller Lehrenden als besonders zukunftsrelevant für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten erachtet werden

Anmerkung: fett umrandete Dreiecke = Rang 1-3;
Quelle: Becker, A.: PHYSIO 2030. Der Kompetenz-Kompass für die Ausbildung in der Physiotherapie, 2019, S. 183, modifiziert.

Darüber hinaus finden sich signifikante Unterschiede in der Kompetenzwahl zwischen den verschiedenen Lehrendengruppen wie z. B. den jüngeren sowie älteren Lehrkräften oder auch denen, die an Schulen für Physiotherapie lehren oder an Hochschulen. Weitere detailliertere Ergebnisse aufzuführen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Für Interessierte ist sowohl das gesamte Kompetenzprofil, mit allen Ergebnissen, als auch die Durchführung der SoPHY-Studie 2030 im Buch PHYSIO 2030 umfangreich dargestellt.

Die KODE GmbH unterstützte dieses Studienprojekt der Autorin durch die Einwilligung zur Nutzung des KODE®-KompetenzAtlas für die Online-Befragung der SoPHY Studie 2030. Herrn Stefan Ortmann (ISB Information und Kommunikation GmbH & Co. KG) half bei der technischen Umsetzung der Befragung sowie Bereitstellung des digitalen Hintergrunds.

Inter-/Nationale Studienvergleiche

Die Ergebnisse der SoPHY‑Studie 2030 sind in PHYSIO 2030 in unterschiedliche Kontexte gesetzt. Insbesondere sind sie im Bezug zu vorangegangenen inter-/nationalen Studien zu Kompetenzen von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten betrachtet worden, die ebenfalls auf dem KODE®-KompetenzAtlas basieren. Im Jahr 2008 beforschte Prof. Volker Heyse erstmalig Kompetenzen von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten und befragte Geschäftsführungen physiotherapeutischer Ausbildungs- sowie Reha-Einrichtungen und angestellte Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten selbst. Unter Nutzung des KODE®X Verfahrens wurde ein Kompetenz-Sollprofil mit 16 Schlüsselkompetenzen erstellt. Darüber hinaus überprüfte Prof. Heyse (2011‑2013) mit einer internationalen Studiengruppe in einem, von der Europäischen Kommission unterstützten Projekt ‚Anerkennung und Validierung von non‑formal und informell erworbenen Kompetenzen mit Zuordnung zum Nationalen Qualifikationsrahmen‘ (KØDE-NQF), physiotherapeutische Kompetenzen. Gemeinsam ermittelten sie Kompetenzen von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten vor dem Hintergrund der beruflichen Anforderungen in Deutschland, Polen und Italien.

Im Studienvergleich zeigten die aktuell ermittelten Kompetenzen der SoPHY-Studie 2030 eine große Schnittmenge zu den Kompetenzen internationaler Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, die die KØDE-NQF Studiengruppe ermittelte. Eher geringe Übereinstimmungen fanden sich im Abgleich mit der ersten Untersuchung von Heyse in 2008.

Physiotherapeutische Berufsrollen

Die ermittelten Kompetenzen der SoPHY‑Studie 2030 werden in PHYSIO 2030 auch unter Berücksichtigung der international beschriebenen physiotherapeutischen Berufsrollen (CanMEDs) betrachtet. Dazu sind die sieben, aus der kanadischen Medizin hervorgehenden Berufsrollen ‚Medical Expert, Communicator, Collaborator, Manager, Health Advocate, Scholar und Professional‘ in ihrer physiotherapeutischen Ausrichtung beschrieben, die in verschiedenen Ländern vorliegt. Zusätzlich sind jene Kompetenzen des KODE®‑KompetenzAtlas (in ihrer physiotherapeutischen Auslegung [SoPHY-Studie 2030]), die betont spezifischen internationalen physiotherapeutischen Berufsrollendefinitionen entsprechen, den jeweiligen Rollen zugeordnet. Die relevanten rollenspezifischen Kompetenzen der Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten werden so übersichtlich dargestellt.

Die Kompetenzverteilung in den Berufsrollen zeigt, dass die jeweilige Anzahl an Schlüsselkompetenzen je Rolle unterschiedlich ist. Jede Rolle umfasst zwischen 6-8 Schlüsselkompetenzen. Sie verteilen sich über mehrere Grundkompetenzen, wodurch es zur Betonung einzelner Grundkompetenzen (P, A, S oder F) je Rolle kommt. Die Rolle der/des Teamworkerin/Teamworkers beispielsweise beinhaltet alleine sechs Teilkompetenzen der sozial-kommunikativen Grundkompetenz. Fünf Schlüsselkompetenzen der Fach- und Methodenkompetenz finden sich dagegen in der Rolle der/des Expertin/Experten. So kann festgestellt werden, dass in den beruflichen Rollen der/des Managerin/Managers, Health Advokatin/Health Advocate und Lernenden/Lehrenden, Schlüsselkompetenzen der Grundkompetenzen P, A und F eine besondere Rolle spielen (vgl. Abbildung 2). In der Rolle der/des Expertin/Experten sind dagegen Schlüsselkompetenzen der Aktivitäts- und Handlungskompetenz, Sozial-kommunikativen Kompetenz sowie Fach- und Methodenkompetenz (A, S, F) bedeutender. Diese Kombination der Grundkompetenzen A, S und F findet sich nur in der Berufsrolle der/des Expertin/Experten.

Abbildung 2: Physiotherapeutische CanMEDS Rollen mit jeweiliger Betonung einzelner Grundkompetenzen des KODE®‑KompetenzAtlas

Anmerkung: Bezeichnungen der Berufsrollen im deutschen Sprachraum in männlicher Sprachform zur besseren Übersicht;
P = Personale Kompetenz; A = Aktivitäts- und Handlungskompetenz; S = Sozial-kommunikative Kompetenz; F = Fach- und Methodenkompetenz;
Quelle: Becker, A.: PHYSIO 2030. Der Kompetenz-Kompass für die Ausbildung in der Physiotherapie, 2019, S. 196, modifiziert.

In PHYSIO 2030 sind die jeweiligen Schlüsselkompetenzen je Grundkompetenz und physiotherapeutischer Berufsrolle ausführlich dargelegt.

Berufs- und bildungspolitischer Kontext

Die sich aus allen Diskussionen ergebenden konkreten Handlungsempfehlungen, wie die zukünftige Ausbildung in der Physiotherapie sowie ihre Rahmenbedingungen gestaltet werden könnten, sind in PHYSIO 2030 aufgeführt. ‚Was wohl wirklich wichtig wäre‘ wird in Form von 15 Schlussfolgerungen benannt. Dabei steht u. a. Folgendes im Fokus:

  1. eine zeitgemäße Anpassung der Ausbildung in der Physiotherapie, die auf die zukünftigen Anforderungen im Gesundheitsmarkt ausgerichtet, bundeseinheitlich gestaltet und international vergleichbar ist
  2. die Kennzeichnung der Kompetenzen von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten hinsichtlich ihrer spezifischen Kernkompetenz sowie der besonderen Bedeutung der Aktivitäts- und Handlungskompetenz
  3. die Berücksichtigung physiotherapeutischer Rollen mit ihren spezifischen Kompetenzen im Rahmen der Lehre
  4. die Ausrichtung der Kompetenzentwicklung auf die Interaktion und Kooperation mit anderen in multiprofessionellen Teams
  5. die Entwicklung eines, der Zeit angepassten beruflichen Selbstverständnisses der Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten selbst

Die Entwicklung einer zeitgemäßen umfassenden beruflichen Handlungskompetenz bei Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten ist heute und zukünftig essentiell, um die physiotherapeutische Versorgungsqualität auch langfristig in Deutschland sicherzustellen.

Quelle

Becker, Annette (2019). PHYSIO 2030. Der Kompetenz-Kompass für die Ausbildung in der Physiotherapie. Pflaum Verlag München, ISBN 978-3-9482-7701-7

 

Angaben zur Autorin

Dr. Annette Becker

Dr. Public Health, Studium des Lehramts Sek. I sowie der Organisationsberatung, Supervision und Coaching (M.A.); Physiotherapeutin, lizensierte KODE®- und KODE®X-Beraterin, Supervisorin (DGSv)

Freiberuflich selbstständig BECKER HEALTH CONSULT. Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften in den Gesundheitsfachberufen zum Thema ‚Kompetenzentwicklung bei Lernenden‘. Langjährig Leiterin einer Schule für Physiotherapie in NRW sowie Vorstandsmitglied des Verbands der Leitenden Lehrkräfte an Schulen für Physiotherapie Deutschland e. V. (VLL)

Kontakt: becker@becker-health-consult.de

Veröffentlichungen unter: www.becker-health-consult.de

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